Noi due siamo uno (Wir zwei sind eins) – Vera Friederichs „Geschwisterportraits“

Geschwisterpaare sind individuell. Auch eineiige Zwillinge. Sie sind sich auch nicht immer wohl gesonnen, doch verbindet sie etwas, was kein Band durchtrennen kann. Das Band der einen gemeinsamen Aura.
Diese ist nicht immer gleich ersichtlich und nur selten erfassbar. Allein in den Momenten vollkommener Authentizität erkennen wir den zarten Hauch der geschwisterlichen Bande, der über die Gesichter huscht. Ist es der Blick? Ist es das Lächeln? Selten kann das Besondere jener physiognomischen Analogie decodiert werden und man streift bei der Diskussion um die genetische Ähnlichkeit meist nur das rein Äußerliche, die mimische Fassade. Das eigentliche Prinzip der geschwisterlichen Identität bleibt oft verborgen.

Vera Friederichs Serie „Geschwisterportraits“ setzt genau da ein, wo der „normale“ Blick endet. Behutsam tastet sie sich mit der Kamera an die komplizierte Gattung des Portraits heran. Ihr gelingt es, wie kaum einem anderen Fotografen, das Fotoportrait neu zu erfinden. Basierend auf den tradierten Techniken der Malerei erreicht sie mit ihren Portraits eine ebenso ästhetische wie intellektuelle Beleuchtung jener feinen Sequenzen in den Physiognomien ihrer Modelle, die mit dem normalen Auge nicht unmittelbar fassbar ist.

In schwarz gekleidet vor schwarzem Grund erinnern die Gesichter der Geschwisterpaare an Ikonen. Sie blicken den Betrachter direkt an und bedingen dessen Widerblick. Das Schwarz hebt die Szene ab und intensiviert die Fokussierung auf das zentrale Motiv – das Antlitz der Dargestellten. Die Beleuchtung kommt von der Seite, um die Plastizität der Gesichter zu verstärken. Auch die Wahl der Übergröße trägt zur Intensität und zur Erhöhung der Portraits bei. Nicht wie gewöhnlich schaut man als Erwachsener zu den Kindern und Jugendlichen herab. Vielmehr scheinen sie in Vera Friederichs Portraits in ihrer erhabenen Aura den Blick des Betrachters zu ihnen herauf zu erwarten.

Vera Friederich lichtet nicht einfach ab, wenn alles schön ist. Geduldig wartet sie den einen bestimmten Moment zwischen gestellter Mimik und adoleszenter Ungeduld ab, um das Authentische in den Gesichtern der Modelle zu erfassen. Dieser eine Moment ist voller Innigkeit, Echtheit und Natürlichkeit und demonstriert die innere Ähnlichkeit der jeweiligen Geschwister, die nicht immer gleich äußerlich zu erfassen ist. Beiden Portraits der Geschwisterpaare wird eine eigene Aura gelassen. Immer in zwei getrennten quadratischen Formaten stehen sie so autark wie Geschwister nur eben sein dürfen. Die Nähe und die Kongruenz drücken sich allein in ihrer jeweiligen Physiognomie aus. Die Geschwisterpaare sind dann wirklich eins, nicht obwohl, sondern gerade ob ihrer Individualität.

Kunsthistorikerin und Kuratorin Dr. Nathalie Höcke-Groenewegen